Bandmerch 160 x 600
Sa, 27. April 2013

THE EXPLOITED, BROKEN BONES

Schüür (Luzern, CH)
05.05.2013
570

Die Schüür lädt zum Punke

Als „Wir-Spielen-Alles-Was-Uns-Gefällt-Teenie-Band“ hatten wir in unserem bescheidenen Repertoire mit „Exploited Barmy Army“ auch einen Exploited Song. Und sowohl damals als auch heute trägt jeder zweite Punk einen Aufnäher mit dem Exploited-Skull-Punk. Dieser ist im Punk in etwa was der Eddie im Metal ist. Übrigens, Eddie war ja ursprünglich auch eine Punkfigur … bis dann die Haare etwas flacher und länger wurden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nun, 20 Jahre nach unserer Teenie-Band-Zeit spielen die Schotten und Ur-Punker der zweiten Generation direkt vor meiner Haustüre. Keine Frage da geht ein Freizeitpunk natürlich hin und wenn es dann noch an einem Freitagabend ist, kann ja mit ein bisschen rumgepunke nichts schief gehen. Und dass es nicht ganz alltäglich ist, dass Exploited in unseren Breitengraden spielt, beweist das für die Schüür unüblich (inter-)nationale Publikum.

Die Schüür bläst also zum Punke und wie beim Rattenfänger von Hameln kommen diese aus ihren Löchern gekrochen. Und wohl auch aus dem einen oder anderen Büro … oder Coiffeur. Letztere haben von dort auch alle imposanten Kamm mitlaufen lassen. Rund ein Dutzend perfekt gestylte Irokesen, wie man sich auch in Camden für die Touris kaum mehr sieht.

Broken Bones

Broken Bones eröffnen den Abend und sind gemäss Ankündigung des Veranstalters auf Abschiedstour. Ich muss gestehen, ich kenne Broken Bones nicht. Drum lasse ich mich jetzt gerne überraschen. Beim Ur-Punk sind die musikalischen Erwartungen ja auch nicht sehr hoch. Zuerst mal das Optische. Die Band scheint aus Eminem‘s singenden „Zwillingsbruder“ Jeff „JJ“ Janiak und Suicidal Tendencies‘ Frontmann Mike Muir (Bassist Tezz Roberts) zu bestehen. Umrahmt werden die beiden Look-Alikes von den typischen Engländer Typen, wie man sie halt einfach in den Pubs und Fussballstadien dieser Welt liebt. Und soundmässig? Richtig geil.

Eingängige Songs die sich eher im Punkrock ansiedeln und somit melodiöser und auch etwas ausgereifter als reine Punkkracher sind. Und musikalisch absolut auf der Höhe. Bassist Tezz spielt sogar auf allen vier Saiten und das in ziemlicher Regelmässigkeit. Die Engländer sollen scheins auch Vorbilder für die damaligen Neo-Thrasher Metallica und Slayer gewesen sein.

Notiz des Schreibenden: Alben von Broken Bones checken und kaufen.

Und klar wo Punk ist, ist auch Pogo. Mit den farbigen und fliegenden Kämmen wähnt man sich dabei an einem Hahnenkampf. Nebst der Punk Never Dies-Fraktion hat es auch einige Nachwuchspunker im Publikum, was die erstere Fraktion wiederum in ihrer Attitüde stärken dürfte. Punk‘s not dead yet.

Bei einer kurzen Pause – „we’re experiencing technical difficulties“ (Bass auswechseln) – reinigen die Pogoianer den Mosh-Pit akribisch von den bereits zahlreich auf dem Boden liegenden Scherben. Yep, in der Schüür trinkt man auch während Konzerten aus Gläsern und Glasflaschen. Was sich zumindest heute mal nicht als Vorteil im Pogobereich herausstellt. Aber schön, dass trotz viel Bier und viel Punk die Vernunft nicht ganz flöten geht.

Nach gut einer Stunde – für Punk ja schon fast eine Ewigkeit – ist es vorbei mit Broken Bones. Die nicht mehr ganz jungen Jungs haben jedoch viel Spass gemacht und vor allem soundmässig restlos überzeugt (siehe Setliste weiter unten).

The Exploited

The Exploited besteht vor allem (noch) aus Sänger und einzig verbliebendem Gründungsmitglied Wattie Buchan. Musikalisch kommen Exploited nicht an Broken Bones ran, aber das ist hier auch sekundär. Exploited spielen reinen Punk* und da ist eine Rotz-Einstellung gegen das Establishment wichtiger, als das aus den Boxen dröhnt (*Exploited sehen sich selbst eher als Punkrocker). Zumindest für Sänger Wattie der seine Parolen immer noch mit ernster Miene aus sich herausschreit. Nur selten huscht ein kleines Lächeln über sein markantes Gesicht, welches auch Vorlage für den Skull-Punk, dem Icon von Exploited, zu gewesen sein schien. „Let’s Start A War“ (said Maggie one day …) als Eröffnungssong unterstreicht dies.

Seine Mitmusiker scheinen das Ganze ein bisschen zu kompensieren, in dem sie all das ein wenig lockerer nehmen und vor allem optisch alles andere als punkig unterwegs sind. Gitarrist Matt McQuire könnte auch ohne aufzufallen in einer italienischen Epic-Hollywood-Powermetal-Band spielen und Bassist Irish Rob mit wilder Rasta-Mähne würde gut zu einer Cavalera-Verschwörung passen.

Exploited ist wie schon erwähnt Punk der zweiten Generation und war so nicht mehr im Fahrwasser der Retorten-Boygroup-Punker Sex Pistols. Der Punk war nicht mehr einfach nur schockierend und provozierend, dafür hat man sich in den grossen Städten bereits zu stark an die Punks gewöhnt und wohl auch als Modeerscheinung abgetan. Die zweite Generation Anfang 80er Jahre musste sich beweisen und auch, dass der Punk noch nicht Tod ist. Und für Wattie ist der Punk definitiv nicht Tod. Das beweist auch die gut gefüllte Schüür mit einem lebendigen Moshpit von der ersten bis letzten Minute – einem der grössten die ich in der Schüür bisher gesehen habe.

Und definitiv ist Wattie noch mehr als lebendig. Es scheint, als hätte er immer noch die volle Wut eines 18jährigen rotzfrechen Punkers im Bauch. Sein Gesicht wie schon erwähnt meist sehr ernst, mit Dauergespucke auf die Bühne. Er spuckt auf die, die er nicht gerne hat und muss dazu noch so viel loswerden. Und eben, wenn dann mal ein Lächeln übers Gesicht huscht, kriegt man für eine kurze Zeit das Gefühl, dass man auch mit ihm mal gemütlich ein Bierchen trinken kann (vor allem da ja jetzt der Lieblingsfeind Namens Maggie tot ist).

Wenn er denn überhaupt mal ruhig an einer Bar stehen kann. Er steht zumindest auf der Bühne keine Sekunde still. Läuft wie ein Duracell-Häsli an den Bühnenrand nach vorne und dann wieder zurück Richtung Schlagzeug. Man wäre nicht überrascht, wenn er nach dem Konzert in diesem Bereich seine Spuren mit einem Graben hinterlassen würde. ADSL für Erwachsene ist keine gewagte Ferndiagnose.

Auch nicht ganz ritalinfreudige Eltern bzw. wohl die gleichen schien Drummer Wullie Buchan zu haben. Sein schnelles und abwechslungsreiches Spiel ist schon Thrash-Metal-würdig. Was dazu führt, dass sich inzwischen auch Shy-d‘s Kopf neben mir rhythmisch ein paar Zentimeter nach vorn und hinten bewegt. Wenn er das tut – und das nicht oft – dann ist Feuer im Dach. Shy-d ist Ritalin für Kinder und Powergradmesser für Erwachsene.

Für „Sex & Violence“ nimmt sich Wattie eine Auszeit und fragt die Punks wer Lust habe, diesen Klassiker auf der Bühne zu singen. Zumindest textmässig muss man dazu nicht viel können, denn dieser besteht nur aus diesen drei Wörtern. Die Fans zögern … bis sich nach mehrmaligem Auffordern ein erster getraut auf die Bühne zu steigen und die Einladung anzunehmen. Kaum hat jedoch einer sich seinen Kamm zwischen die Beine geklemmt, trauen sich auch die anderen. Wie war das mit Anarchie und so? Punks die Mitläufer?

Anyway, auf der jetzt vollen Bühne wird gesunden – Sex & Violence – getanzt und gepoggt. Schönes Bild. Auch Broken Bones gesellen sich dazu. Zwei Songs später ist es dann vorbei. Exploited in der Schüür.

Fazit

  1. Ein paar Punker finden auch Deos spiessig.
  2. Punk’s not dead.
  3. Ist der Hammer. Und vor allem war es einer der besten Konzertabende seit langem.

Setliste Broken Bones

  1. Problem
  2. Never Say Die
  3. Wealth Rules
  4. Crucifix
  5. See Through My Eyes
  6. Scret Agent
  7. Terrorist Attack
  8. Programme Control
  9. Civil War
  10. Liquidated Brains
  11. SOTO
  12. Death Is Imminent
  13. Their Living Is My Death
  14. Stand Up
  15. IOU
  16. Annihilation No. 3
  17. FOAD
  18. Teenage Kamikaze
  19. Decapitated
  20. Money Pleasure And Pain

Setliste Exploited

  1. Let’s Start A War
  2. Fightback
  3. Massacre
  4. UK ´82
  5. Chaos In My Life
  6. Dead Cities
  7. Alternative
  8. Noise Annoys
  9. Anarchy
  10. Holidays
  11. Beat The Bastards
  12. Cop Cars
  13. Porno Slut
  14. USA
  15. Army Life
  16. S & V (Sex & Violence)
  17. Punx
  18. Was It Me

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