Metalinside.ch - Cellar Darling - Schüür Luzern 2017 - Foto Friedemann
Do, 13. April 2017

Cellar Darling

Schüür (Luzern, CH)
/ 20.04.2017
318

Heimspiel in der Schüür

Für Anna. Die mit leichter Verspätung nach 21 Uhr mit ihren zwei ehemaligen Elu-Gspändli Merlin und Ivo sowie einem Live-Bassisten – Nicolas Winter – die Bühne der zu gut einem Drittel gefüllten Schüür entert.

Man sieht aus Respekt oder weil sie ein anderes Publikum (?) ansprechen, praktisch keine Eluveitie-Shirt. Man erwartet also heute keine Elu-Klon. Gut, nachdem was ich bisher von ihnen hörte, ist dies soundmässig auch nicht zu erwarten. Bekanntlich haben die drei ja vor rund einem Jahr die Schweizer Folk-Death-Metal-Institution verlassen. Die Mehrheit davon freiwillig. Ich will hier keine Wunden aufreissen – auch wenn die drei bei Elu sicher fehlen – so ist es ja cool, dass es für alle Beteiligten weitergeht. Und Chrigel hat mir vor ein paar Monaten in einem offen, persönlichen Gespräch ohne zu zögern gesagt, dass ihm der Sound von Cellar Darling gefällt und er ihnen jeden Erfolg gönnen wird. So gilt es also jetzt, trotz toller Erinnerung an viele geniale Konzertabende mit denen drei bei Eluveitie, nach vorne zu schauen.

Und genau deswegen bin ich heute auch da. Das was ich bisher hörte, hat mich zwar nicht so wirklich aus den Socken gehauen. Es entspricht nicht so ganz meinem Geschmack, aber ich lass mich heute gerne überraschen.

Der Opener „Avalanche“ übermannt uns noch nicht grad lawinenartig. Zu schleppend das Ganze. Zu moderner Metal für mich. Das startet die Nummer zwei auf der Setliste – Black Moon – mit einem wunderbar thrashigen Riff doch einiges vielsprechender. Das Ivo geile Riffs schreiben und abliefern kann, wissen wir von Elu und genau das beweist er heute mehrmals – doch leider kaum hörbar. Powerdrummer Merlin lässt der viel zu leise abgemischten Gitarre keine Chance. Da kommt Anna mit ihrem Gesang bedeutend besser weg. Sie ist omnipräsent. Gesangmässig für mich etwas zu viel, denn die grossen Momente heute Abend bestehen aus den instrumentalen Teilen. Keine Frage, Anna ist eine überaus begnadete Sängerin, aber für mich ist es ab und zu viel davon. Mir gefiel es besser, in der Art wie sie bei Eluveitie sang. Aber vielleicht bin ich das einfach zu fest von ihr gewohnt.

Anna ist zumindest auf der Bühne ganz klar der Kopf der Band. Wenn die beiden anderen nicht den Elustempel hätten, wäre es Anna & Band. Das ist bereits nach zwei Songs mehr als klar. Aber auch nicht ganz überraschend, auch bei Elu waren Merlin und Ivo auf der Bühne mehr die fleissigen Arbeiter und weniger die, die im Rampenlicht standen.

Weiter geht’s mit einem Songtitle der an einen Elvis Film erinnern könnte: Hullabaloo. Mehr oder weniger im gleichen Stil wie bisher. Was aber besonders eindrücklich hängen bleibt, ist Annas Solo auf der Leier. Wow, sehr geil, mit leichter Verzerrung. Hätte ich es nicht gesehen und nur gehört, wäre es als Gitarrensolo abgehandelt worden.

Auch beim anschliessend «Rebels» bleibt wieder die Leier hängen. Dieses Mal in extrem basstiefen Gefilden. Ich wusste nicht, dass das Ding so tief kann. Gerne mehr davon. Allgemein dürfte Anna nach meinem Geschmack mehr runterleiern. Ich finde, das macht den Unterschied zu anderen Bands im gleichen Revier. Nach dem tiefen Leier-Intro übernimmt Ivo akustisch und wird später von einem markanten Drumming Merlins abgelöst. Nach dem der Powerdrummer sein Können einmal mehr bewiesen hat, darf auch Ivo wieder mit einem Hammerriff kontern. Das lässt sich auch Anna nicht lumpen und steigt ein mit wunderschönem Sirenengesang. Anna überrascht mit variantenreicher Stimme – nach den ersten 3.5 Songs wohl schon mehr als über alle Elu-Songs.

Ui, und jetzt kommt der Hühnerhaut-Moment: Der Mittelteil. Heiliges Kellerkind. Drums, Leier, Gitarre – das ist jetzt die perfekte Harmonie der Dreieinigkeit.

Gut, jetzt sollte man auch wieder mal den Bassisten erwähnen … der macht im Hintergrund ebenfalls einen tadellosen Job und mich hat er eh schon von Anfang im Sack mit seinem Rickenbacker Bass.

Ich bin mehr und mehr ein Fan der instrumentalen Parts von Cellar Darling. Auch bei «The Hermit» packen mich diese. Überraschenderweise weniger Annas Gesang. Bei Eluveitie konnte ich von diesem als Ergänzung zu Chrigels Gegrowle jeweils kaum genug kriegen. Heute ist es mir zu viel. Eventuell fehlt mir hier der männliche Gegenpart oder weniger wäre mehr.

Anna darf aber trotzdem bleiben. Einerseits mit der Leier und andererseits mit ihren witzig-ironischen Ansagen. Im Gegensatz zu ihrer stark präsenten Singstimme, ist ihre Sprechstimme sehr mädchenhaft. Gepaart mit ihrem Luzerner Dialekt hört sich das einfach härzig an. Doch das kontert sie mit den frechen Sprüchen. So sagt sie soeben: „So schön sind iär alli da.“ Das erwidert einer aus dem Publikum umgehend mit: „Schön bisch du da.“ Und reaktionsschnell wie Renato Tosio zu seinen besten Zeiten hören wir von ihr: „Ja, das isch au schön.“

Sie erzählt uns, dass das neue Album fertig sei und sie es heute Abend zum ersten Mal komplett live spielen. Sie seien zwar schon seit 10 Jahren auf der Bühne, aber heute fühle es sich an, als sei es das erste Mal.

Das erste Mal ist auch, dass ich Anna mit einer Querflöte sehe und höre. Diese setzt sie als Intro bei „Water“ ein. Gilt wohl trotz metalischem Outfit nicht als das metalischte Instrument, aber so gezielt eingesetzt kann sich das mehr als nur hören lassen. Es gibt dem Ganzen einen sphärischen Touch. Dafür, um abzuheben, bin ich immer zu haben. Der Gesang von ihr macht da gleich so weiter – mit Fliegen – im Stile von Enya. Und jetzt kommt auch der unbezahlbare Moment. Genau in dem Moment wo es den Nackenbart vertikalisiert, zerspringt neben uns ohne Fremdeinwirkung Friedemanns Bierfläschli auf dem Bänkli links der Bühne. Beim Worte von Shy-d – wir hatten da nicht einen Finger im Spiel. Das war Anna! Wir sind definitiv beeindruckt.

Das soll gemäss Anna auch umgekehrt der Fall sein. Sie findet uns – in ihrer Heimatstadt – ein Superpublikum. Nun, ich könnte jetzt nicht grad schreiben, dass das stimmt. Die Zäpfli stecken noch irgendwo fest und gehen nicht wirklich ab. Es ist mehr so eine abwartende Haltung, die im Saal dominiert. Die meisten erleben wohl wie ich Cellar Darling zum ersten Mal und wollen mal sehen, was die so bringen. Geht mir ja auch so. Natürlich gibt es auch immer höflichen Applaus und ich glaub auch, dass CD im Allgemeinen gut ankommen. So lese ich dies zumindest aus den Gesichtern, des sehr durchmischten Volkes – von Jung bis Alt, beiderlei Geschlechter. Vielleicht sogar noch ein bisschen älter als an einem Elu-Konzert. Aber da sind sicher auch Freunde, Eltern der Bandmitglieder und Umfeld anwesend. So auf jeden Fall Merlins Mom, die ich jetzt natürlich nicht zu den Älteren zähle.

Als weiteres Instrument höre ich bei „Six Days“ ein Klavier raus. Dies kommt aber ab Band. Live aber natürlich wieder Annas Gesang, welcher jetzt von der Tonlage sich in den Tiefen des Bandnamens bewegt. Einmal mehr erstaunlich, wenn man grad vorher ihre bereits erwähnte Sprechstimme gehört hat. Im Mittelteil packt sie wieder ihre Querflöte aus, kurzer Moment fliegen, um dann von Merlins Tribal-Drums zum Stampede angetrieben zu werden. Einfach Schade, dass dabei einmal mehr die Gitarre kaum hörbar ist. Ansonsten wäre das mein neuer Favorit. Hat was musicalmässiges. Nicht das ich auf das theatralische Gedönse stehe, aber hier kommt das grad sehr steil.

Mit „Cellar Darling“ folgt der erste (?) nicht Cellar Darling Song. Dieses bandnamensgebende Teil hatte Anna bereits vor Jahren auf einer Soloscheibe rausgehauen. Kleiner Stilbruch – zumindest zu Beginn – das Fehlen jetzt nur noch die Bistrotischli.

Mit dem nächsten Cellar Darling Song, der nicht so heisst, aber so (einer) ist – Oak Tree – geht’s in ins letzte Drittel des heutigen Konzertabends. Eher schleppend. Da soll man es mir nicht übelnehmen, dass ich einmal mehr das Publikum etwas beobachte. Dabei fällt mir auch, dass heute drei Frauen den Abend regeln. Zwei davon sind aufgeteilt am Misch- und Lichtpult. Das habe ich jetzt noch nie gesehen, zwei Mädels an den Schalthebeln. Heute haben wir als nicht nur Female Fronted, sondern auch Female Backed. Die Bühnenfront holt mich grad wieder zurück auf den Boden der Konzertrealität mit einem sehr, sehr geil gesungenen Mittelteil – ganz ohne Begleitung. So lobte ich bisher vor allem die instrumentalen Momente, so ist es jetzt grad der kurze A cappella teil.

Trotzdem werde ich langsam etwas zappelig. Da kommt mit «High Above» grad die nötige Pfefferung. Merlin schlägt ein höheres Tempo und die anderen ziehen mit – inklusive der alten Leier. Mitreissender Beat von den Drums. Man könnte meinen Sepulturas «Roots» wäre hier die Vorgabe für das Getribele gewesen. Keine Frage, dass das mir gefällt. Und auch hier wieder ein verdammt geiles – aber ihr ahnt es schon – kaum hörbares Riff. Ich stell mir vor, wie das jetzt mit lauterer Gitarre abgehen würde. Uiuiui, da würden die Zäpflis nicht mehr lange stecken bleiben.

Eine Uhrumdrehung ist vorbei. Und Anna meint schon fast entschuldigend, dass es «scho fascht fertig» sei. «Meh hemür nid». Da meinen ein paar Nimmersatte, egal, einfach nochmals von vorne anfangen. Anna glaubt nicht, dass wir das wirklich wollen. Gut, sie haben ja noch zwei, drei im Köcher. Da wäre zum Beispiel ein Dialekt-Song. Anna verrät uns, dass sie «äs bitzeli komisch unterwägs gsi, woni de gschriebä ha. Mini Bandkollegä hend gseid, uf was bisch da druf gsi.» Wirklich sehr speziell was wir jetzt hören. Mit dem langsamen Einstieg fehlt eigentlich nur noch das Talerschwingen. Bis es dann schneller wird. Merlin drummelt hier allen davon. Und ich meine das erste Mal heute einen Double-Bass-Einsatz zu hören. Beim Elu-Sound werden die beiden Bassdrums (sofern es zwei sind), ja dauerbetrampelt. Tant pis, irgendwie fehlt mir hier die Harmonie. Doch die Leier rettet einmal mehr den Moment und lässt mich alles zuvor Geschriebene wieder vergessen. Zeit um Revue passieren zu lassen – denn das Quartett verlässt mit Vogelgezwitscher die Bühne. Die Jungs zuerst und dann Anna singend – auch dann noch, als sie bereits im Backstage verschwunden ist.

Und natürlich kommen sie mit Geklatsche dazu aufgefordert nochmals zurück. Anna meint dann noch schelmisch: «Isch es euch doch nid vertleided?» Weiter «Ich muess nu (mini Leiere) stimme. So reded nu chli mitenand, susch isch es so richtig pinlich.» Ach, iwo, wir schauen dir doch gerne zu beim Stimmen der Leier.

Zum Abschluss gibt’s den ersten von CD veröffentlichte Song: Challenge. Keine Frage, denn kennt man schon ein bisschen und so ist auch die Reaktion auf die Ansage von diesem am Grössten. Auf diesen hat man scheinbar gewartet. Da ist er jetzt. Und Merlin trommelt dann schon wieder fett drauf los. Irgendwie habe ich bei ihm das Gefühl, dass er einfach wieder mal so richtig drauflosdreschen möchte. So ein eingesperrtes Raubtier. Gut die Mähne ist weg, so ist er zumindest optisch beim Sound von CD angekommen.

Und dann war Schluss. Nochmals Anna: «Miär hend es kurzes Set gspielt. Das kompensiered miär zämä, in dem miär ez es paar Bierli zämä suffed. Betrunke ohni üch wär eh alles Scheisse.»

Fazit

Einmal mehr ein toller und gemütlicher Konzertabend in der Schüür, während im EG getangot wird. Ich bin neutral ans Konzert gekommen und gehe auch mehr oder weniger neutral nach Hause. Die drei haben instrumental absolut überzeugt. Leider, leider war die Gitarre viel zu Leise, so dass man die Songs nicht in ihrer vollen Power erleben konnte. Aber die Ansätze die man mitbekam sind schon mal sehr cool. Definitiv eine Band die man gerne weiterbeobachten soll. Vom Stil her ist es nicht 100% mein Geschmack. Da ist mir etwas zu viel Gesang in der gleichen Art (mit aber doch grossen Momenten), teilweise auch etwas schleppend das Ganze. Aber das ist jetzt ganz subjektiv. Denn wem solche Art von Musik gefällt, der wird CD Hammer finden. Und wie gesagt, instrumental gibt’s für mich kaum was zu meckern. Es dürfte einfach mehr davon geben – inklusive der Leier. Von der Rifffront gibt es nur Daumen hoch und auch Merlin darf zeigen was er kann mit viel Tribal-Drums, wenn ich ab und zu schon auch seine Blast-Beats und Double-Bass-Salven vermisse.

Nichtsdestotrotz, Châpeau, was die drei innerhalb eines Jahrs auf die Beine gestellt und bald auf Silberlingen pressen werden.

Setliste Cellar Darling (die schönste Setliste ever)

  1. Avalanche
  2. Black Moon
  3. Hullabaloo
  4. Rebels
  5. The Hermit
  6. Water
  7. Fire, Wind & Earth
  8. Six Days
  9. Cellar Darling (Cover Anna Murphy)
  10. Oak Tree
  11. High Above
  12. Starcrusher
  13. Hedonia
  14. Challenge

Fotos von Cellar Darling (Friedemann)


Bewerte diesen Beitrag

Cellar Darling
User Bewertung: 8.6/10

/ 20.04.2017
318
Weitere Einträge von

CELLAR DARLING

  • Pressetext 25.11.2016