Cattle Decapitation, Shadow Of Intent, Revocation, Vulvodynia
Komplex 457 (Zürich, CH)Geballer, Screams und Squeals
Cattle Decapitation und Shadow Of Intent machten am 6. Februar mit ihrer Co-Headliner-Tour im Komplex 457 Halt. Zusammen mit Vulvodynia und Revocation verwöhnten sie das Publikum mit bösen Klängen.
Anhänger des Death Metals mussten sich entscheiden: Entweder man findet heute den Weg ins Aarauer KiFF, wo Obscura, Skeletal Remains und Gorod die Besucher mit Todesmetall verwöhnen, oder man gibt sich das Komplex-Package namens «The Terrasite Reconquest Tour», welches Tech Death, Prog Death und Deathcore umfasst. So splitten Larry und ich uns ausnahmsweise auf und decken für unsere Leserschaft beide Events ab. Siehe Larrys Review aus dem KiFF.
Beim Betreten der Halle traue ich meinen Augen nicht. Viel Zulauf wird kaum erwartet, zumal die hintere Hälfte abgesperrt ist. Man würde auch locker noch in die Front Row kommen. So positioniert sich mein Grüppchen schnell ganz weit vorne, leicht seitlich, aber auf keinen Fall unter der Galerie, wo die Hallenakustik manchmal nicht so das Gelbe vom Ei ist.
Vulvodynia
Zum Opener Vulvodynia weiss ich im Vorfeld herzlich wenig. Nur, dass die Truppe aus Südafrika stammt, gemäss Genrekenner Luke personelle Überschneidungen mit XavlegbmaofffassssitimiwoamndutroabcwapwaeiippohfffX hat und uns Deathcore beschert. Und davon bekommen wir eine geballte Ladung, wie sich bereits ab dem ersten Ton abzeichnet. Songs der Marke «Psychosadistic Design» haben es definitiv in sich. Das unverständliche Gegrunze von Fronter Lwandile Prusent fährt tief unter die Haut. Anscheinend setzen sie einen erheblichen körperlichen Einsatz voraus, weshalb der Sänger seine Gitarre an den Live-Musiker Nate Gilbert abgibt.
Des Weiteren sind kurlige Outfits Programm. Ich sag nur: Rote Badehosen auf der einen Seite, ein passendes Set aus Hemd und Shorts mit Wassermelonen-Motiv auf der anderen. Scheinbar unendlich Blastbeats, rhythmische Riffs und Pig Squeals später neigt sich der erste Slot dem Ende zu. Vulvodynia haben die Messlatte bereits hoch angesetzt.
Revocation
Weiter geht es sehr technisch: Revocation bringen direkt aus Boston ihren Tech Death, der – so scheint mir beim Reinhören – eine wahre Freude für Fans komplexer Strukturen ist. In der Tat beweist sich das Quartett dann mit wahnsinnig flinken Fingern, die nur so über die unzähligen Saiten huschen respektive die beiden Drumsticks übers Schlagzeug sausen lassen. So ist es fast ein bisschen schade, dass die Rhythmusgitarre von Harry Lannon etwas zu leise eingestellt und daher kaum hörbar ist. Damit steht Sänger und Leadgitarrist David Davidson noch ein bisschen mehr im Fokus, als er es eh schon tut. Er ist der klare Mittelpunkt der Truppe, verkörpert die im Tech Death gebündelte Aggression aber derart gut, dass diese Bündelung mehr als gerechtfertigt ist.
Heimliches Highlight ist für mich der zweite Drummer, den Revocation scheinbar mit auf Tour haben. Es handelt sich dabei um Bryce Butler, den Trommler des nächsten Acts. Während grossen Teilen des Sets steht er am rechten Bühnenrand und lufttrommelt trotz kleiner Getränkedose in der Hand mit, was Ash Pearson am richtigen Drumset leistet. Dabei beweist er mit viel Liebe zum Detail seine Kenntnis der Revocation-Songs.
Shadow Of Intent
Nach einem schnellen Umbau ist es bereits Zeit für den ersten Headliner des Abends. Shadow Of Intent kenne ich lediglich von dem einen Konzert im Amsterdamer Melkweg, wo die Truppe aus Connecticut 2023 Heaven Shall Burn supportete. Ich war jedoch geflasht von der Intensität ihres Symphonic Deathcores. Deshalb war das Quartett um Ben Duerr ein starkes Argument dafür, heute dem Komplex gegenüber dem KiFF den Vorrang zu geben.
Deathcore ist das eine, aber der symphonische Hintergrund macht, obwohl er nur eingespielt ist, den Stil von Shadow Of Intent aus. Dazu kommt wahnsinniges Talent von Seiten aller Musiker, vor allem aber von den bereits erwähnten Ben Duerr am Mikro und Bryce Butler am Schlagzeug. Die Squeals und Growls sind zwar nicht ganz so intensiv wie jene von Vulvodynia-Grunzer Lwandile. Sie gliedern sich jedoch perfekt in den rhythmischen, geradezu fesselnden Sound. Die bösen Deathcore-Walzen überrollen das Publikum regelrecht, nur damit die bombastischen Einspieler jeden einzelnen Besucher gleich wieder aufstellen. Zusammen mit den Breakdowns wiegelt dies die Menge vor der Bühne regelrecht auf und verleitet zu vielen Pits.
Obschon mir der heutige Gig sehr gefällt, bin ich nicht mehr ganz so geflasht wie beim ersten Zusammentreffen in der Niederlande. Das lässt sich jedoch kein wenig auf eine schwache Leistung der Band und viel eher auf den damaligen Überraschungseffekt zurückführen.
Die Setlist – Shadow Of Intent
- We Descend…
- The Horror Within
- Intensified Genocide
- The Migrant
- Flying The Black Flag
- The Heretic Prevails
- Melancholy
- Blood In The Sands Of Time
- Barren And Breathless Macrocosm
- The Battle Of The Maginot Sphere
- Malediction
- The Tartarus Impalement
Cattle Decapitation
Nachdem meine letzte Begegnung mit Cattle Decapitation soundtechnisch, nun ja, nicht optimal war (siehe Review vom Züri Gmätzlets), war ich ein wenig besorgt ob der heutigen Soundqualität. Zumal der Komplex nicht für perfekte Verhältnisse bekannt ist. Glücklicherweise lösen sich sämtliche Bedenken noch während des ersten Songs «The Carbon Stampede» in Luft auf. Man hört alle Instrumente inklusive der für Cattle Decapitation so wichtigen Vocals! Entsprechend schnell zeigt sich: Wenn die beiden Support Acts und Shadow Of Intent die Halle noch nicht dem Erdboden gleichgemacht haben, dann tut es jetzt die älteste der vier Bands.
Diese präsentiert sich nämlich roh und brachial, und doch so kontrolliert, wie man es von ihrem Prog Death gewohnt ist. Travis Ryan, heute einmal mehr mit Tanktop unterwegs, beeindruckt den Komplex mit seinem wilden gutturalen Gesang. Dabei ist “Gesang” für einmal genau das: Der Typ singt regelrecht beim Growlen! Die Vocals sind es nämlich, die den Songs ihre Melodik verleihen. Man könnte den Stil geradezu als Melodic Death Metal beschreiben, hätte dieser Begriff nicht schon eine komplett andere Bedeutung.
Songs wie «We Eat Our Young» und «Bring Back The Plague» machen das, was die Musiker beschäftigt, sehr greifbar. Entgegen dem Klischee, Death Metal behandle nur Tod und Verderben geht es in den mal mehr, mal weniger gut verständlichen Texten um… ehm… genauso um Tod und Verderben, aber ausgelöst durch die Zerstörung unseres Planeten. Wut und Unbehagen stechen aus der Performance von Cattle Decapitation sehr glaubhaft heraus.
Unerwartet schnell geht das letzte Set mit «Death Atlas» zu Ende. Doch der Auftritt war mehr als solide und immerhin der vierte an einem Abend, der gar nicht übermässig früh begann. Insofern darf über die Spielzeiten also nicht gemeckert werden.
Die Setlist – Cattle Decapitation
- The Carbon Stampede
- The Prophets Of Loss
- We Eat Our Young
- Scourge Of The Offspring
- Bring Back The Plauge
- One Day Closer To The End Of The World
- Solastalgia
- Forced Gender Reassignment
- Dead End Residents
- A Living, Breathing Piece Of Defecating Meat
- Plagueborne
- Death Atlas
Das Fanzit – Cattle Decapitation, Shadow Of Intent, Revocation, Vulvodynia
Das heutige Paket vereinte verschiedene Auswüchse des Death Metals. Mit Deathcore, Tech Death und Prog Death begeisterten die Musiker ihre Besucher gleichermassen. Vulvodynia erstaunten mit üblen Vocals und Breakdowns, worauf Revocation flinke Finger bewiesen. Shadow Of Intent kombinierten teilweise sehr schnellen Deathcore mit Symphonic-Samples zu einem bombastischen Mix. Zuletzt bliesen Cattle Decapitation das Publikum mit ihrem ganz eigenen Stil und sehr überzeugend rübergebrachten Emotionen weg.